Es ist ein Glück, Obst und Gemüse im Garten selbst zu ziehen. Auch wenn’s im Rücken zwickt, die Schnecken über Nacht den jungen Salat auffressen oder man abends noch Marmelade einkochen muss. Annegret D. ist mit ihrer Garten-Leidenschaft meine Schwester im Geiste. Nur liegt ihr Bauernhof ‚Happy Acres‘ auf Facebook. Jede freie Stunde werkelt sie auf ihrer Farm, schon seit Jahren. Füttert Schweinchen, bestellt Felder, bewältigt Aufgaben. Alles virtuell? Ich kann das kaum glauben. Wie es dazu kam, erzählt sie mir am Telefon.
Annegret hat fünf Kinder groß gezogen, seit ihrer Scheidung 2001 lebt sie alleine, die Kinder wohnen fast alle weiter weg. Sie ist 58 Jahre alt, wegen Erwerbsunfähigkeit berentet und hat daher viel freie Zeit. Das Farmleben beschäftigt einen dann, sagt sie. Sie baut Früchte an und bäckt Kuchen, den sie verkaufen kann. Findet übers Spiel Kontakt zu Nachbarn, den sie im realen Leben nicht hat, weil sie in den letzten Jahren mehrfach umgezogen ist. Unterhält sich mit ihnen via Chat über die Erfahrungen des Tages. Freut sich über Erfolge und genießt die Dankbarkeit, wenn sie anderen helfen konnte. Denn ohne die Nachbarn und das Miteinander kommt man nicht weit. „Du denkst nicht mehr über deine normalen Probleme nach.“ Auch wenn das Online-Spiel selbst kostenlos ist, kommt man schneller voran, wenn man Wasser, Bäume und Sonnensteine durch echtes Geld hinzukauft. Annegret versucht es anders, sie schafft sich durch Fleiß und Zeit-Einsatz immer weiter nach oben, auch ohne Euros. Aufgaben müssen innerhalb einer fixen Frist erledigt werden, Pflanzen oder Früchte sind reif und müssen in einem Zeitfenster abgeerntet werden. Die Nachbarn sollten besucht oder unterstützt werden – all das gibt Pluspunkte. Das schafft man nur, wenn man dauernd online ist: „Da hängste dann dran.“
Am Ende des Tages fühlt sich das gut an: „Du siehst jeden Tag, was du geschafft hast. Du gehörst dazu, du bist gut.“ Es ist ein Belohnungsmechanismus im Spiel. Alles fast wie im richtigen Leben. So hat sie sich immer weiter aus dem realen Leben ausgeklinkt. Fast fünf Jahre lang hat sie sich vorgegaukelt, das virtuelle Leben sei ihr Leben.
Als sie auf ‚Level 92‘ angekommen ist, merkt sie, dass irgendwas nicht stimmt, wenn man möglicherweise nur noch 20 Jahre zu leben hat und die Rest-Zeit beinahe ausschließlich am Rechner verbringt. Denn außer Schlafen und Essen kann man alles auch virtuell tun – in einem social game wie ‚Happy Acres‘.
Vor sechs Wochen hat sie das Spiel und ihren Account gelöscht. Zuvor war sie ernstlich mit Gott ins Gespräch gegangen. Mitten in der Nacht gab ihr der Heilige Geist ein, den Account zu löschen. Dringlich. Die Wucht der Leere danach traf sie völlig unvorbereitet. „Ich dachte, du bist ja nix, du schaffst ja nichts. Ich hatte Angst, in eine Depression zu rutschen, ich war so niedergeschlagen.“ Trotz Anbindung an eine Freie Evangelische Gemeinde und Gesprächen mit dem Pastor. Trotz Unterstützung durch den Hauskreis und Gebete, Anteilnahme einer Freundin und Annegrets Tochter. Nach 14 Tagen erkannte sie ihre Probleme als massive Angriffe des Teufels, der versuchte, sie niederzudrücken mit allen Mitteln. Das war das Aha-Erlebnis. Sie suchte und fand Trost und Kraft in der biblische Zusage, dass Jesus auch die Angriffe des Feindes kennt (2. Korinther 2, 11) und einem da hindurch hilft. Sie bot den Mächten der Finsternis im Namen Jesu die Stirn. Von da an ging’s aufwärts.
Mittlerweile hat sie sich aus dem tiefen Tal herausgearbeitet, macht beim Gemeindebriefteam mit und findet dort Zugehörigkeit, ja beinahe ein Glücksgefühl. Sie erinnert sich daran, wie gern sie schon immer schrieb, und entdeckt in kleinen Schritten, welche Fähigkeiten Gott in sie hineingelegt hat. „Das ist ein spannender Weg.“ Sie bemüht sich um Kontakte und meldet sich bei Solo&Co an. Auf einmal fühlt sie sich am richtigen Platz.
Annegret ist mit ihrer Online-Spielsucht nicht allein, Millionen Hobbygärtner nehmen den Pixelspaten in die Hand und ackern sich durch ihre kleine Farm. Fast 800.000 Abonnenten hat ‚Happy Acres‘ auf Facebook. Daneben gibt es aber noch unzählige andere Farm-Spiele. Niemand ist gefeit. Weder Reife noch Bildung, weder Ehe noch Christsein schützen. Für Alleinstehende ist die Versuchung allerdings besonders groß, meint sie. Singles tun sich oft schwer, Kontakte aufzubauen und haben einfach mehr freie Zeit. Eine halbe Stunde am Tag auf Facebook oder im Internet ist nicht das Problem. Gefahr lauert, wenn mehr Zeit fürs Internet als fürs reale Leben aufgebracht wird, wenn Chat und Messenger-Dienste freundschaftliche Kontakte und reale Gemeinschaft ersetzen. „Wenn Menschen von Menschen weggezogen werden, ist das nicht im Sinne Gottes.“ Kontakt und Gemeinschaft gaukelt man sich in solchen social games nur vor. Man bleibt allein – auch dort. Die Korrektur durch andere, die persönliche Begegnung, die gegenseitige Inanspruchnahme, das Lachen miteinander, die tröstliche Umarmung – das gibt‘s nur im richtigen Leben.
Annegret hat’s geschafft. Ihr dringlicher Rat: Man sollte sich vorher überlegen, wie man die Leere füllt, wenn man aufhört. Sollte vorher Aktivitäten anzetteln und den Pastor um Beistand bitten, vorher mit Familie und Freunden nach alternativer Beschäftigung suchen. Wer sich mit ihr über die „virtuelle Lüge“ austauschen möchte, Mail an genügt.
Danke, Annegret, für deine Offenheit!












