Sehe ich die andere als Zumutung? Ja, manchmal erlebe ich sie als anstrengend, weil sie so ganz anders ist als ich. Sie ist sehr penibel, ich lass auch öfter mal fünfe gerade sein. Sie will alles bis ins Kleinste wissen, und ich kann loslegen mit ein paar Grundinformationen. Ich arbeite die Dinge schnell ab; sie durchdenkt sie zigmal. Das sind Gegensätze. Da kann man sich aneinander reiben. Aber auch da, wo ich auf Menschen treffe, die mir ähnlich sind, wir das Gleiche denken und aussprechen, wo wir uns ergänzen, ist Gemeinschaft doch immer auch eine Zumutung. Warum ist mir das mit 20/30/40 Jahren so viel leichter gefallen als jetzt? Warum sehe ich das, was uns trennt, anstatt zu sagen: „Schön, dass es Dich gibt!“
Ja, ich will Gemeinschaft. Ich will mein Leben mit anderen teilen, ich möchte nicht mehr für alles alleine verantwortlich sein. Ich finde das Solo-Leben alleine anstrengend, komme nicht mehr mit allen Herausforderungen des Lebens alleine gut klar. Ich sehne mich danach, nicht in die leere Wohnung zu kommen; danach, dass mich jemand in den Arm nimmt, mir über den Rücken streicht. Es wäre so schön, wenn jemand sagen würde: „Schön, dass Du wieder da bist und wie war dein Tag?“
Wir bringen alle unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Verletzungen mit. Je älter wir werden, desto mehr Enttäuschungen kommen dazu. Wie viele davon sind wirklich vergeben, sind bei Gott abgegeben und haben keine Macht mehr über uns? Wenn nicht, dann beeinflussen sie die neuen Begegnungen, weil sie mich zurückhaltender machen. Sie machen mich vorsichtiger, ich muss mehr abklären, mehr Sicherheitszone schaffen, damit ich nicht wieder verletzt werde. Dann verliere ich Leichtigkeit in der Begegnung, um den Blickwechsel zu vollziehen. Mit Gottes Augen den anderen zu sehen, denn er ist ja genauso Gottes Kind wie ich. Von dem „JA“ Gottes zu mir lebe ich, davon, dass er mich aushält, mit meiner Art durchs Leben zu gehen. Ich lebe davon, dass er mich immer wieder annimmt, dass ich so kommen kann, wie ich bin.
Ja, die andere ist eine Zumutung für mich mit ihrer Art das Leben zu sehen und zu meistern, aber auch ich bin eine Zumutung für den anderen, denn der muss ja meine Art durchs Leben zu gehen aushalten. Die Begegnung mit dem anderen ist eine Zumutung, weil wir alle einzigartig sind. Gott hat uns so geschaffen.
Gemeinschaft zu wollen heißt: Sehnsucht nach Gemeinschaft mit den anderen zu haben; heißt im anderen eine Ergänzung zu sehen, die mich bereichert; heißt, zusammen schaffen wir mehr als jeder alleine.
Gemeinschaft leben heißt, sich darauf einzulassen, dass es länger dauert, als wenn man die Dinge alleine regelt; heißt sechs Hände schaffen mehr als zwei; heißt, die andere sieht die Dinge anders und das bereichert die Gruppe. Gemeinschaft zu teilen heißt, die Sehnsucht auszuleben, das Leben zu teilen; heißt, sich für das Wohlergehen des anderen zu interessieren. Wer ist bereit sich auf dieses Abenteuer einzulassen und wie geht das?
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“ sagt Jesus im Lukasevangelium. Wie sind Kinder in der Beziehung? Die meisten Kinder bekommen ein Urvertrauen mit. Sie sind dem Gegenüber positiv eingestellt. Kinder gehen auf andere zu. Sie machen etwas zusammen, sie lassen sich aufeinander ein. Kinder fangen einfach an zu spielen. Sie nehmen den anderen so, wie er ist. Sie streiten, werden laut, aber nach einer Stunde ist alles wieder vergessen. Sie fangen wieder neu an. Vertrauen einander wieder, erleben gemeinsam Abenteuer, bauen sich eine Welt, wie sie ihnen gefällt. Wenn es gar nicht mehr geht, dann rennen sie zu Mama oder Papa und die müssen das Problem dann lösen. Sie vertrauen den Eltern, dass sie für sie sorgen. Sie fühlen sich geborgen auf dem Schoß von Papa und Mama. Sie vertrauen sich ihnen an, wenn sie sich schlafen legen.
Wie wäre es, wenn wir mit diesem Vertrauen in die Gemeinschaft gehen würden? Wir streiten uns und vertragen uns. Keiner trägt dem anderen etwas lange nach, wir machen uns gemeinsam auf zum Abenteuer Gemeinschaft und vertrauen unserem Vater, dass er uns versorgt. Wir sind mutig, weil Gott uns auffängt. Was für eine Herausforderung!!!
Ich will das Leben mit anderen teilen. Ich will Anteil nehmen an dem, was mein Gegenüber beschäftigt. Ich möchte Zeugen für mein Leben haben. Deswegen will ich mich auf das Abenteuer Gemeinschaft einlassen. Ich will darauf vertrauen, dass Gott uns hält. Wenn er uns einander zumutet, dann kann er uns auch dadurch helfen, wenn es schwierig wird. Dann können wir zu ihm rennen und sagen: „Papa, es ist gemein, dass…!“ und unser guter Vater wird für uns da sein und uns helfen. Wenn Gott uns einander zumutet, dann los und hin zum anderen. „Schön, dass es Dich gibt. Lass uns zusammen das Abenteuer wagen!“
Sabine Lente, Fachstelle Gemeinschaft
Herzliche Einladung mit uns darüber ins Gespräch zu kommen – z.B. beim Online-Stammtisch talk together am 29. Juni 2025 um 19 Uhr). Oder per Mail:











